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Bach: Weihnachtsoratorium Kantaten 4-6 | Recycelte Musik?


20. Dezember 2023

Viele Dresdner, die Mitte Dezember beglückt eine der drei Aufführungen der ersten drei Kantaten des Bachschen Weihnachtsoratoriums hörten, haben den Weihnachtsbaum schon wieder abgeschmückt und den Elefanten im Dresdner Zoo gespendet, die Herrnhuter Sterne und die „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“-Schallplatte schon wieder in den Keller geräumt. Für einige unter uns endet die Weihnachtszeit allerdings traditionell nicht vor dem Epiphaniasfest am 6. Januar – beziehungsweise mit der Aufführung des Zweiten Teils dieses Weihnachtsoratoriums, den Kantaten IV bis VI. Dieser musikalische Schlusspunkt soll uns Anlass sein, einmal etwas genauer auf ein Detail von Bachs Komponierweise zu schauen: das Parodieverfahren nämlich.

Zuerst einmal überrascht es ja, wenn wir feststellen: das Oratorium hat offenkundig einen streng geplanten Ablauf. Sogar Ersthörer erfühlen sofort den großen Bogen des Werks, etwa durch die Wiederholung der Melodie des allerersten Chorals, „Wie soll ich dich empfangen“ im allerletzten in der sechsten Kantate, hier mit dem Text „Nun seid ihr wohl gerochen“. Der Vorhang des Christspiels, der sich im Dezember mit Pauken- und Trompetenklängen geöffnet hat, schließt sich sozusagen heute wieder. Was dabei allerdings ungesagt bleibt: die Melodie stammt gar nicht aus Bachs Feder. Dessen Zeitgenossen kannten den Choral mit dem Text „Herzlich tut mich verlangen nach einem sel’gen End“, der vom Kirchenlieddichter Christoph Knoll stammte. Und die Melodie? Die komponierte Hans Leo Haßler (1564-1612) für das Liebeslied „Mein G’müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart“ – auf einen Text unbekannter Herkunft. Haßler veröffentlichte ihn in seinem Liederbuch „Lustgarten neuer deutscher Gesäng“. Die Anfangsbuchstaben der fünf Strophen (die in der Erstausgabe von 1601 extra groß abgedruckt waren) ergaben den Namen jener Jungfrau: M-A-R-I-A.

‚Parodieverfahren‘ im engeren Sinne meint aber nicht die Tatsache, dass Bach im Weihnachtsoratorium auf Melodien anderer Komponisten zurückgriff. Nein, konkret: die Musik der Arien und Chöre im WO hatte Bach zu ganz überwiegendem Teil bereits Jahre vorher selbst für weltliche Kantaten geschrieben und untersetzte sie nun nach geringfügigen Änderungen mit einem neuen Text. Der detaillierte ‚Ablauf‘ des Oratoriums ist dabei nicht immer chronologisch. Ein Beispiel: im Zweiten Teil hören wir den Bass mit der Aufforderung: „So geht denn hin, ihr Hirten, geht, dass ihr das Wunder seht: Und findet ihr des Höchsten Sohn in einer harten Krippe liegen, so singet ihm bei seiner Wiegen aus einem süßen Ton und mit gesamtem Chor dies Lied zur Ruhe vor!“ Danach aber hören wir nicht etwa die Hirten (die tatsächlich erst sehr viel später, nämlich in der Mitte des dritten Teils, ‚eilend‘ an der Krippe ankommen werden) und nicht den ‚gesamten Chor‘, sondern einzig Maria mit ihrer betörenden „Schlafe, mein Liebster“-Arie. Das musikalische Puzzleteilchen (das früher mit dem frivolen Text „Schmecke die Lust der lüsternen Brust und erkenne keine Schranken“ unterlegt gewesen war) schien Bach an dieser Stelle eben am wirkungsvollsten einzupassen.

Weltliche Kantaten schimmern noch an anderen Stellen hervor. Recht bekannt ist, dass der Beginn des Kantatenzyklus einstmals mit dem Text „Tönet ihr Pauken, erschallet, Trompeten“ unterlegt gewesen ist; eine im Vorjahr aufgeführte Geburtstagskantate einer ganz anderen Maria, nämlich der sächsischen Kurfürstin, bildete hier die Vorlage. Darüber, dass die statisch wirkenden beiden Pauken-Töne eigentlich so gar nicht recht zur beschwingten Aufforderung „Jauch-zet, froh-lok-ket“ passen wollen, hören wir freundlich hinweg. An anderer Stelle empfinden wir, dass die Textbetonungen von „Herr, WENN die STOL-zen Feiheinde schnauben“ gar nicht so richtig zur dort ebenfalls festlich aufstrebenden Musik passen mögen. Auch hier handelte es sich ursprünglich um eine Geburtstagsarie mit anderem Text.

Bach: Weihnachtsoratorium Kantaten 4-6

So recycelte Bach also Musik aus früheren Glückwunsch- und Huldigungskantaten und füllte die Zwischenabschnitte mit der Erzählung des Evangelisten und einer Reihe von Kirchenchorälen auf Texte von Johann Rist, Paul Gerhardt, Christoph Runge, Martin Luther, Georg Weissel, Johann Franck und anderen. Umso bemerkenswerter ist, welche musikalische Stringenz und Qualität das zusammenhängende Oratorium am Ende aufweist. Vor allem, wenn wir wissen, dass die Zeit bis zur Fertigstellung für Bach am Ende doch fürchterlich knapp wurde. Die sechste Kantate, die im letzten Teil des heutigen Konzerts erklingt, ist bis auf den Evangelientext und den Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ wahrscheinlich zum Teil aus der Geburtstags-Kantate „So kämpfet nur, ihr muntern Thöne“ für einen kursächsischen Kammerherrn übernommen. Sicher, die meisten der Vorbilder sind sehr wahrscheinlich schon im Hinblick auf ein späteres geistliches Werk mit großer Sorgfalt verfasst; aber dass die sechs Abteilungen am Ende doch ein so schlüssiges, bewegendes und, ja, ergreifendes Oratorienwerk ergeben würden? Das macht einen noch heute stumm vor Glück. Die das Werk und die Weihnachtszeit überspannende Botschaft verstehen und fühlen wir durch die Musik und Picanders Text: „Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.“

Martin Morgenstern

Weihnachtsoratorium, Notenblatt