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„Die göttliche Sekunde“ | Weihnachtsoratorium 4-6 mit dem Dresdner Kreuzchor | 13.01.2024


15. Januar 2024

„Der Dresdner Kreuzchor macht das Weihnachtsoratorium zum Erlebnis. Wer einzelne Kantaten von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratoriums bereits im Gottesdienst gehört hatte, konnte dem „geschlossenen Halbkreis“ (Kantaten IV bis VI) am Sonnabend in der Kreuzkirche noch einmal Zusätzliches abgewinnen. So wurden die Farbunterschiede der Kantaten in der direkten Folge hörbarer: Nach der feierlichen Namensgebung (Kantate IV) scheint die fünfte musikalisch dunkler, verzagter – dem „neugebornen König“ droht Gefahr. Erst mit der letzten Kantate (Flucht / Rettung) wird sie abgewehrt, bricht sich das Licht Bahn.

Kreuzkantor Martin Lehmann fand dafür eine so lebhafte wie in die Aufführungstradition des Kreuzchores passende Interpretation. Weniger historisch informiert, sondern (leicht) romantisiert – ein sehr vitaler Bach. Trotz teils hoher Tempi lag ein gestalterischer Fokus in den dynamischen Kontrasten. Dabei blieben die Tempi trotzdem flexibel, wechselten zwischen erzählerischem Fluss und sinnendem, besinnlichen Verweilen, wobei letzteres niemals den Charakter naiver, frömmelnder Hingabe hatte. Gerade das Ritardando – in Werken wie diesem ungewöhnlich – trug zum vitalen Charakter bei und sorgte für die berührendsten Momente. Beispielsweise beherrscht die Echoarie („Flößt, mein Heiland“, Sopran und Echosopran) kaum jemand so herrlich wie Martin Lehmann – während das Echo beiden Oboen (Undine Röhner-Stolle und Jens Prasse) exakt einsetzt, ist es im Sopran (Kruzianer Simeon Anwand) um eine Winzigkeit verzögert. Dieser Wimpernschlag sorgt wie ein Engelsflügelschlag für eine besondere (himmlische) Überhöhung. Überboten wurde diese Wirkung noch in der letzten Kantate vom Coral „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“, vom Kreuzchor erneut a cappella vorgetragen.

Der Dresdner Kreuzchor macht das Weihnachtsoratorium zum Erlebnis

Betonungen setzte Martin Lehmann auch in der fünften Kantate im Terzett von Sopran und Tenor, dem der Alt gegenübersteht und „schweigt“ gebietet. Marie Henriette Reinholds Alt ist so schlank, ohne Vibrato klar und durchsetzungsfähig, dass die Textzeile überzeugt, ohne im gebieterischen Ton vorgebracht werden zu müssen. Marie Henriette Reinhold bewies unter den Solisten die wohl souveränste Leistung, der Tobias Berndts melodisch voller Bass allerdings sehr entsprach. Er hatte schon im Rezitativ mit Choral (Sopran) „Immanuel, o süßes Wort“ für jene Kontrastwirkung gesorgt, die ohne Übermaß Worte betonte. Julia Sophia Wagner (Sopran) fand agil und emphatisch (Rezitativ und Arie „Du Falscher“ / „Nur ein Wink“) in ihre Rolle, doch schien ihr starkes Vibrato sehr erregt – sie war schwer verständlich. Ähnliches galt für David Fischer, der allerdings besser und besser in die Tenor-Partie kam und vor allem in der letzten Kantate („So geht!“ und „Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken“) wunderbar ausdrucksvoll gestaltete.

In dieser Hinsicht wirkte die Dresdner Philharmonie (inklusive Johanna Lennartz / Orgel und Kreuzorganist Holger Gehring / Cembalo) geradezu opulent. Mit Eva Dollfuß (1. Violine) und Markus Gundermann (2. Violine) staffierte sie Orchestersatz und Basso continuo üppig aus, auch wenn die 1. Violine präsenter hätte sein können. Neben den Oboen übernahmen Hörner (Kantate IV) und Trompeten (VI) wesentliche Spektralfarben, so dass mit den Kreuzchor im Schlusschor „Nun seid ihr wohl gerochen“ eine kleine Feuerwerksmusik gelang. Die Solisten sangen zwar mit, übertönten den Chor als Hauptakteur aber glücklicherweise nicht.

15.01.2024 | Wolfram Quellmalz | Die göttliche Sekunde | DNN | Seite 9 (Kultur)

Dresdner Kreuzchor, Weihnachtsoratorium 4-6